Das angehaltene Leben/Meditation über das Gefangensein

Da mauriziotorchio.

< Das angehaltene Leben
Andreas Wirthensohn. Wiener Zeitung, 1 aprile 2017.

Maurizio Torchios bemerkenswerter Roman „Das angehaltene Leben“.


Der Mensch ist das Maß aller Dinge. Dieses philosophische Prinzip, auch Homo-mensura-Satz genannt, verdanken wir dem antiken griechischen Philosophen Protagoras, und für die Gegenwart hat der österreichische Ökonom Leopold Kohr ihn zum Kern seiner „Lehre vom rechten Maß“ gemacht. Sein Plädoyer für eine „überschaubare Gesellschaft“, für Dezentralisierung und ein „Small is beautiful“ orientiert sich an dem, was dem Menschen zumutbar ist.

„Die Zelle ist vier Schritte lang und zwei Armlängen breit. Wenn ich mich auf die Zehenspitzen stelle, berühre ich die Decke. Es ist ein Raum nach menschlichem Maß. Nach meinem Maß.“ Vor allem aber ist es ein Raum für den Rest des Lebens. Denn der namenlos bleibende Ich-Erzähler ist zu lebenslänglicher Haft verurteilt, weil er an einer Entführung beteiligt war und später im Knast einen Wärter umgebracht hat. Viel Zeit also, um sich Gedanken über das „angehaltene Leben“ hinter Gittern zu machen.

„Das angehaltene Leben“ ist der zweite Roman des 1970 geborenen, heute in Mailand lebenden Maurizio Torchio. Dass sein Verfasser Philosophie studiert hat, merkt man dem Text deutlich an. Denn wirklich „erzählt“ wird hier nicht, vielmehr haben wir es mit einer langen Meditation über das Gefangensein zu tun. Mitunter fühlt man sich an einen Roman von Kafka erinnert, denn die auf einer Insel gelegene Strafanstalt wird zur Metapher für die „condition humaine“. Torchio gelingen eindrucksvolle Szenen und Schilderungen der „Herrschaftsverhältnisse“ unter den Gefangenen sowie zwischen den Häftlingen und Wärtern. Hinzu kommt im ersten Teil des Buches eine bemerkenswerte Darstellung der „zwischenmenschlichen“ Beziehungen zwischen Entführer und Geisel – der Erzähler hat zusammen mit anderen die Tochter des „Kaffeekönigs“ entführt und viele Tage als ihr Bewacher in einem Versteck zugebracht. „Je leerer ein Ort ist, desto mehr füllt man ihn mit Worten.“ Maurizio Torchio hat daraus einen sehr eigenen, sehr klugen und nur mitunter etwas spröden Roman gemacht.

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