Das angehaltene Leben/Mitteilungen aus der Hölle

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Volker Breidecker. Süddeutsche Zeitung, 29 giugno 2017.

Maurizio Torchios fulminanter Gefängnis-Roman „Das angehaltene Leben“ wirkt wie ein Faustschlag – kein Wort ist überflüssig


Das Böse. Man kann es nicht wegsperren. Es ist da, drinnen und draußen. Also nimmt es seinen Lauf, wird geschehen. „Allen wird Böses geschehen.“ Das sagt ein Missetäter, ein Gefangener. Mit einem lateinischen Wort für beide Eigenschaften ist er ein „cattivus“, ein aus der Gesellschaft Ausgeschlossener, ein Verworfener. „Cattivi“ – Plural – ist der italienische Originaltitel dieses Romans aus der Feder des in Mailand lebenden 47-jährigen Schriftstellers und studierten Philosophen Maurizio Torchio. Das Gefängnis, von dem hier erzählt wird, das sind wir selbst, eingeschlossenin die condition humaine. Lebenslänglich.

So lange soll der namenlose Ich-Erzähler dieses Romans für seine Taten büßen, in Isolationshaft, ohne Aussicht auf Freilassung vor Ablauf der Zeit: „99/99/9999“ verzeichnet der Gefängniscomputer als Entlassungsdatum.

Drinnen: „Die Zelle ist vier Schritte lang und zwei Armlängen breit. Wenn ich mich auf die Zehenspitzen stelle, berühre ich die Decke.“ Draußen: Als Zwanzigjähriger hatte der Gefangenemonatelangin einer finsteren Höhle mit einem weiblichen Entführungsopfer zugebracht – als deren Wächter, „Stockholmsyndrom“ inklusive. Drinnen: Zwanzig Jahre Haft hat er schon hinter sich, als er einen Gefängniswärter ermordet. Unerhört die Schilderung: „Jeder Stich war, als würde ich mich ausdehnen. Ich wurde breiter und länger unter dem Himmel, und das Messer half mir, immer weiter vorzudringen, mir mehr Raum zu verschaffen.“

Und „zwischen dem Draußen, wo die Weltlebt, und dem Drinnen“ leben die Hunde. Sie hausen in einem Zwinger, nicht anders als die Gefangenen, nicht anders als deren Wächter, auch wenn die Aufseher das Gefängnis nach Dienstschluss vorübergehend verlassen dürfen. Darüber, am Himmel: Kein Mond zu sehen, kein Sternenzelt hinter der „orangenfarbenen Milch“, in die das Gefängnisgebäude getränkt ist. Konstruktion eines Raums: „Es ist wie eine Matrjoschka. Erst die Außenmauer, dann der Zwinger, das Gefängnis, der Hof, die Wanne für die Freistunde, und in der Wanne der kleine Hof für diein Isolationshaft. Die innerste Puppe ist die kleinste. Die jüngste. Die der Zukunft.“

Dies ist das Gefängnis, ein geschlossener Kosmos, in dem die Zeit stillsteht. Der Insasse bewegt sich wie in einem Aquarium oder schwebt wie in einem Raumschiff, unendlich verlangsamt und vollkommen schwerelos. Dem Isolationshäftling wird das Gefängnis zum Explorationsfeld seiner verkümmerten Kreatur. Sie ist mit dem Raum der Einschließung identischgeworden: „Wenn ich mich auf die Zehenspitzen stelle, berühre ich die Decke“, sagt das Erzähler-Ich auf dem Weg zum Nicht-Ich: „Es ist ein Raum nach menschlichem Maß. Nach meinem Maß.“ Freilich: „Das hier ist nicht mehr mein Körper. Es ist nicht mehr meine Hand.“

Aber der Kopf des Eingeschlossenen bleibt da. Er sammelt und hütet ein Wissen, das allein ihm zugänglich ist, „weil ich hier unten sitze und praktisch nicht existiere“. Während um ihn herum „Tonnen nutzloser Männer aufgehäuft sind, um zu verfaulen“, ragt aus solcher Biomasse die Stimme des Observanten hervor. Aus dem Stoff dessen, was ihn umgibt, mehr aber noch aus der Matrix seiner Erinnerungen formt sich ein fortdauerndes Zwiegespräch des Protagonisten mit sich selbst: „Je leerer der Ort ist, umso mehr füllt man ihn mit Wörtern.“ Und daraus entsteht hier so etwas wie eine Proustsche Recherche unter kafkaesken Bedingungen und in einer Sprache, die an Beckett denken lässt.

Die Sprache überhaupt, und die Sprache des Gefangenen. Je reduzierter seine Sinnen - und Erfahrungswelt, desto körperlicher und körpernaher gerät seine Diktion. Das Bewusstsein, dass er niemals mehr in die Welt zurückkehren wird, befördert seinen unerschrockenen Rededrang. Auf den 240 Seiten dieses dicht gestrickten Romans sitzt jeder Satz wie ein wuchtiger Faustschlag. Kein Wort ist überflüssig, es fehlen die Binde-und die Füllwörter. Auf jeder Seite herrscht eine heilige Nüchternheit der Sprache unter der bestechenden Präzision und Genauigkeit einfacher, parataktischer Sätze von dennoch höchster Kunst. Die Übersetzerin Annette Kopetzki hat das alles in ein makelloses, gut durchrhythmisiertes Deutsch übertragen.

Das Gefängnis ist nicht näher lokalisierbar, es erinnert an alle Gefängnisse dieser Welt. Italien hat eine ganze Tradition von Literatur aus Gefängnissen und Orten der Verbannung hervorgebracht, von Dante und Machiavelli über Silvio Pellico bis zu Antonio Gramsci und Carlo Levi oder zuletzt Adriano Sofri. Als eine „totale Institution“ (Ervin Goffman) im Bund sämtlicher Anstalten, die ihre Insassen von der Außenwelt trennen – Lager, Kasernen, Irrenhäuser, Altersheime, Internate – ist das Gefängnis besonders literaturaffin: Graffiti auf Zellenwänden, Tätowierungen auf der Haut der Häftlinge, der heimliche Austausch von Kassibern – die Gefängnisse sind mit Schrift gefüllt, und vielleicht wird nirgendwo mehr geschrieben als hinter Schloss und Riegel – und seien es auch nur schalldichte Korkwände oder Körper, aus denen einer nicht herauskommt.

In der gut sortierten Gefängnisbibliothek hat Torchio gewiss lange recherchiert und viel gelesen, darunter wohl Solschenizyn und Primo Levi, Foucault und Agamben. Von seinen Lektüren zeugt am Ende unter der Überschrift „Danksagung“ eine lange Liste von Namen, bekannten wie Don Carpenter, Jack London,Norman Mailer oder Manuel Puig, neben auf den ersten Blick eher unbekannten, die jedoch alle mit der Institution Gefängnis verbunden sind. Ganz oben auf der Liste steht der Amerikaner Jack Henry Abbott, der fast sein ganzes Leben im Gefängnis verbrachte und sich als Autodidakt zum Intellektuellen bildete. Norman Mailer hat ihn entdeckt, jahrelang mit ihm korrespondiert – und seine Freilassung erwirkt. Kaumdraußen, erschlug Abbott einen Menschen und kehrte ins Gefängnis zurück, woer sich am Ende das Leben nahm.

Wie Torchios namenloser Held, der erst im Gefängnis zum Mörder wird, mochte Abbott sich gesagt haben: „Ich hoffe, es gibt noch irgendwo eine Wunde, die an mich erinnert.“ Und wie im beklemmen den Monolog von MaurizioTorchios Erzählerstimme die Personalpronomina wie unentschieden zwischen „ich“, „du“, „er“, „sie“–im Singular wie im Plural–changieren, steht da neben dem unpersönlichen Pronomen „man“ ein bedrohliches „Wir“. Hatte nicht schon Jack Henry Abbott in seinen „Mitteilungen aus dem Bauch der Hölle“ geschrieben: „Wir sind nur wenige Stufen von der Gesellschaft entfernt. Nach uns kommt ihr.“

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